Hirte der schwarzen Schafen

I

Wie die Wut mich durchbohrt.
Eine Lanze durch die Brust.
Ein durchstoßenes Herz.
Schlägt und schägt
und schmerzt.

Das Schwert sucht.
Das Herz auch.
Kein Heil zu finden.
Weder Kampf noch Frieden.
Nur die alte Schuld.

Und eine Geschichte,
die mich aufschluckt
wie treibender Sand.
Wer hat all die Hoffnung und die guten Wünsche
in diesen schwarzen Schlick verwandelt?

II

Alter Mann
Vater mein
Du rufst an.
Wieder und wieder.
Längst zu schwach um zu kommen.
Ich drücke weg.

Geliebter Vater
Ist's zu glauben wie leid ich Dich habe?
Wie mir übel wird vom geteilten Kummer?
Nuckelst mir zahnlos am Hemdsärmel...
... und ich will Dich nicht mehr.

Darf ich Dich hassen?
Darf ich Euch hassen?
Familie mein.
Oder ist dies die Gunst, die ihr mir verwehrt?
Um des gemeinsamen Unglücks willen?

III

Wer hütet die schwarzen Schafe?
Ich hüte die schwarzen Schafe.
Hüte sie alle.

IV

Ihr Lieben. Familie mein.
Bruder, Mutter, Vater.
Wie war ich Euch nah.

Wie war ich unter Euch von Euch durchspült?!
Wie verließ ich mich, um Euch in mir Platz zu machen?!
Wie sehr brauchte ich Euch in mir!

V

Ihr Lieben.
Immer im Schmerz um unsere gebrochenen Herzen,
wurde ich zum Trog unseres Unglücks.

So reich waren wir an Unglück.
Und so leicht schwappte es hinüber zu uns Geschwistersöhnen.
Als die freundlichste, sanftmütigste Gabe.

Bis wir uns selbst vergaßen.
Und Tränke wurden,
den vielen schwarzen Schafen.

VI

Bruder mein.
Ich weinte um Dich.
Das war was ich von mir wieder fand.

Weinte um Euch alle.
Und berauscht von der Wahrheit meiner Liebe
war es der Schmerz der mich rief
noch mehr Trog zu sein,
noch mehr Tränke.

VII

Ich hüte die schwarzen Schafe.
Hüte sie alle.
Bin ihr Hüter und Hirte.

VIII

Ihr schweren großen schwarzen Schafe!
Fast war ich eines von Euch.
Trug mich heran, auf den kurzen Beinen.
Vom Durst durchdrungen und berührt
trug ich mich zur Tränke.

Trinke und trinke das trübe Wasser.
Trinke um des Troges willen und seiner Last.
Trinke auf Geheiß der Sterne und brennenden Herzen.
Trinke namenlos und wahnvoll.

Als könnte ich die Welt vom Kummer leer trinken.
Könnte all ihr Unglück schluckend in mein Herz stürzen.
Dort wo es endlich erlöst sein würde.
Endlich endlich
in der irrwitzigen Glut
dieses dunklen Sterns.

Ach treues Schaf.
Ein ums andere Mal
sehe ich Dich fallen.

IX

Ihr schwarzen Schafe.
Ich kenne Euch.
Kenne Euch gut.

In der Nacht kommt ihr zu mir,
drängt Euch um meine Beine,
meine vertraute Gestalt.

X

Änne.
Entgegen der Logik meiner Welt
hast Du meinem Herzen eine treue unnachahmliche Liebe entlockt.
Noch immer staune ich ob dieses Kunststücks.

Ich kannte die Liebe als Schmerz.
Und als die Trinksucht eines schwarzen Schafes.
Ich kannte sie als ein Meer von Traurigkeit.
Und als tödliche verzweifelte Sorge.

Mit Dir kam sie zu mir
als Geschenk
als Lust
als Abenteuer
als Freude
als Geborgenheit.

Wie neu mir das war.
Und wie langsam ich mich gewöhnte.
(Habe ich mich je ganz gewöhnt?)

XI

Um mich die vielen Schafe.
Und wie gern Du sie trösten wolltest!
Nur haben sie nie ganz
der großen Tränke entsagt.
Die ich war.
Um meiner Familie willen.

Gott... was haben sie getrunken
als Du fort warst!
Besinnungslos.

XII

Ich möchte diese Tränke nicht mehr sein.
Ich möchte Hirte sein.
Ich möchte sein
der Hirte der schwarzen Schafe.

[10. Februar 2026]

Für meine Familie. Für Änne.